Neonazi-Funktionär betreibt Heilpraxis in der Kieler Innenstadt

Am Europaplatz, mitten an der Kieler Haupteinkaufsstraße liegt das “Heilcentrum Pless”, eine der bekanntesten heilpraktischen Praxen Kiels. Inhaber und Namensgeber Henning Pless ist jedoch nicht nur Heilpraktiker, sondern seit Jahrzehnten auch Neonazi-Funktionär mit bundesweiter Bedeutung sowie Vertrauter von Dietmar Munier und Gerlind Mörig aus Martensrade, Inhaber_innen der “Lesen und Schenken”-Verlagsgruppe und damit Verleger_innen diverser neonazistischer Schriften. Als Vorsitzender des “Schulvereins zur Förderung der Rußlanddeutschen in Ostpreußen e.V.”, einem von Dietmar Munier gegründeten Verein geschichts- und gebietsrevisionistischer Ausrichtung, ist Henning Pless u.a. für die jährlichen “Lesertreffen” von Dietmar Muniers Verlagsgruppe verantwortlich . Diese haben sich zu einem wichtigen Thinktank verschiedener rechter Strömungen entwickelt und werden von diversen Neonazigrößen besucht.

Leben und politisches Wirken


Henning Pless

Der 1967 geborene Henning Pless legte an einer Hamburger Waldorfschule sein Abitur ab und begann danach eine Ausbildung zum Heilpraktiker. Zunächst betrieb er seine Praxis in Lütjenburg und seit 2007 praktiziert er in dem “Heilcentrum Pless” am Kleinen Kuhberg in Kiel. Wohnhaft ist Pless in dem kleinen Dorf Schwartuck im Kreis Plön, nicht weit von Martensrade entfernt.

Antifaschistischen Kreisen bekannt wurde Pless als “1. Bundesführer” der “Heimattreuen Jugend”, der Vorgängerorganisation der inzwischen verbotenen “Heimattreuen Deutschen Jugend”. Die Bewegung entstand 1990 aus einer radikalen Abspaltung vom “Bund Heimattreuer Jugend”, bei der auch Diemar Munier beteiligt gewesen sein soll. Die “Heimattreue Jugend” hatte ihren Sitz in Kiel. Hauptanliegen und -aktionsfeld war völkische Brauchtumspflege und Jugendarbeit für ohnehin schon entsprechend politisierte Kreise. Die öffentlichkeitsscheuen Aktivitäten umfassten das Feiern völkischer Feste und die Organisation von Zeltlagern mit neonazistischem Schulungsangebot. Politisch liegt der Schwerpunkt von Henning Pless im klassisch völkischen Neonazismus. Die “Heimattreue Jugend” hatte nicht nur zufällig mit “HJ” das selbe Kürzel wie die “Hitler Jugend”, sondern orientierte sich eng an den Aktivitäten des Vorbilds.

Als Schnittmenge mit Teilen der “Neuen Rechten” hat sich Gebietsrevisionismus zum Hauptaktionsfeld von Munier und Pless herausgebildet. Mit den Vereinen “Schulverein zur Förderung der Rußlanddeutschen in Ostpreußen” und “Aktion Deutsches Königsberg” versuchen sie unter dem Deckmantel der “Minderheitenrechte” für vermeintliche “Deutsche” in Osteuropa klassische neonazistische Ideen vom “Lebensraum im Osten” und “Blut und Boden” zu transportieren. Erfolgreich werden so auf dem jährlichen “Lesertreffen” von Muniers Verlag auch personelle Brücken zwischen klassischen Neonazis, Akteuren der “Neuen Rechten” um die Wochenzeitung “Junge Freiheit”, Militarist_innen und klassischen Verschwörungstheoretiker_innen geschlagen. Auf dem maßgeblich von Henning Pless organisierten Treffen am 23.03.2013 in Oberwiesenthal (Sachsen) traten neben klassischen Neonazis wie Frank Rennicke auch diverse Autoren der “Jungen Freiheit” auf, u.a. Walter Rix aus Noer bei Kiel und Franz Uhle-Wettler aus Meckenheim, Rheinland-Pfalz. Walter Rix ist als ehemaliger Dozent der Kieler Universität durch rechte Umtriebe aufgefallen und fungiert schon seit Jahren als Autor und Referent in einschlägigen Kreisen, auch mehrfach im Zusammenhang mit Henning Pless. Die Brüder Franz und Reinhard Uhle-Wettler (letzterer wohnt in Timmendorfer Strand) sind pensionierte Militärs und fallen vor allem aufgrund ihres offenen Antisemitismus auf. Als Autoren schreiben sie unter anderem für Munier, die “Deutsche Burschenschaft” und die “Junge Freiheit”.
Neben der Ausrichtung neonazistischer Treffen ist das zentrale Projekt von Pless’ Verein die “Wiederansiedlung” von “Deutschen” in dem russischen Dorf Jasnaja Poljana.

Praxis und Unternehmen

Ungeachtet seiner tiefen Verstrickung in das neonazistische Milieu bemüht sich Henning Pless um eine “saubere” bürgerliche Fassade. Seine Praxis und sein Unternehmen stehen ganz im Zeichen von pseudo-wissenschaftlichen Gesundheits- und Schönheitsbehandlungen, zum Teil mit skurrilen esoterischen Versatzstücken (Vortragsthema: “Wie der Darm die Seele heilt?”). Auch in sozialen Netzwerken inszeniert sich Pless als biederer Gesundsheits- und Sportfanatiker. Um die alternative Klientel seiner Praxis nicht zu verschrecken “liked” er auf seinem Facebook-Profil öffentlichkeitswirksam antifaschistische Initiativen wie “Netz gegen Nazis”. Links zu neonazistischen Projekten sind auf seinem Profil auch zu finden, allerdings sind diese erst auf den zweiten Blick als solche erkennbar. Dazu gehört z. B. der “Eselpark Nessendorf”, dessen Eigentümer Eckart August ein wichtiger Unterstützer der NPD ist und auf dessen Hof auch der “NSU” einkehrte, das Magazin “Zuerst!” aus dem Hause Munier oder die besagte “Junge Freiheit”.
Mit diesem Image als unbescholtenes Mitglied der Zivilgesellschaft und harmloser Sportliebhaber gelang es Henning Pless sogar, weitreichende Kooperationen mit den Veranstalter_innen großer Lauf-Events in Schleswig-Holstein zu erreichen. Auch tritt Pless als Referent und Seminarleiter in “gesundheitsbewussten” Kreisen auf und zieht damit mediale Aufmerksamkeit auf sich. So widmete die Zeitschrift “Bella” Pless und seinem “Gesundheitsprogramm” einen mehrseitigen Artikel.

Kern der geschäftlichen Aktivitäten von Pless ist dessen “Heilcentrum” in Kiel, darüber hinaus ist er Domaininhaber und Geschäftsführer der “Health und Nutrition Verwaltungs- und Beteiligungs GmbH” mit Sitz in Lübeck. Die dazugehörige Domain ist auf eine Adresse in Bad Schwartau registriert. Kerngeschäftsgebiet des Unternehmens ist der Verkauf von Ernährungsplänen. Neben Pless sind an dem Unternehmen zwei Personen aus dem Raum Lübeck beteiligt, beide sind bis jetzt nicht im Zusammenhang mit neonazistischen Aktivitäten aufgefallen. Als Räumlichkeit für seine Seminare und Untersuchungen nutzt Pless neben dem Gebäude in der Kieler Innenstadt auch sein Anwesen in Schwartuck.

Fazit

Mit den Verstrickungen von Henning Pless zeigt sich wieder die Bedeutung einiger Kader insbesondere im Kreis Plön für die ideologische Basis der Neonazi-Szene. Während neonazistische Aktionen selten sind, organisieren sich vermeintlich “intellektuelle” und “bürgerliche” Neonazis offen und haben so ideologische und infrastrukturelle Bedeutung weit über Schleswig-Holstein hinaus. Personen wie z. B. Dietmar Munier, Gerlind Mörig, Henning Pless oder Eckart August werden aufgrund ihres äußerlich angepassten Lebensstils und ihrer Rolle als Arbeitgeber_innen und Gewerbetreibende von Ermittlungsbehörden wie Zivilgesellschaft gleichermaßen ignoriert. Dabei bestellen sie nicht nur den gesellschaftlichen Nährboden für neonazistische Übergriffe, sondern unterstützen diese auch praktisch. Als Beispiele seien hier lediglich die Rolle von Munier als Arbeitgeber für Neonazis wie dem Stellvertretendem NPD-Landesvorsitzenden Jens Lütke und das Verleihen von Fahrzeugen für militante Neonazi-Aktionen (u.a. 01.05.2011 in Husum) oder die mutmaßliche Verstrickung von Eckart August in den “NSU”-Sumpf genannt.

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