Alter Wein in neuen Schläuchen – Portrait der neonazistischen Kameradschaft “Identitas Gemeinschaft”


Rechte Lebenswelten: Tobias P. (links) und Ive E. von der “Identitas Gemeinschaft”

In Ostholstein macht seit 2012 eine neonazistische Organisation auf sich aufmerksam. Die Mitglieder der zunächst als „Identitas Nord“ und später als „Identitas Gemeinschaft“ (IG) bezeichneten Kameradschaft besuchten in den letzten Jahren Aufmärsche, Rechtsrockkonzerte, streben Vernetzung zu rassistischen Organisationen im In- und Ausland an und versuchen mit allerlei aktionistischem Gehabe und heroischem Pathos vor allem junge Menschen an sich zu binden. Zur NPD wird ein ambivalentes Verhältnis gepflegt. Einerseits werden mangels Alternativen gemeinsam Aufmärsche besucht und gibt es zum Teil personelle Überschneidungen, andererseits scheuen die sich zum Teil eher an dem Stil der „Autonomen Nationalisten“ orientierenden „Identitas“-Aktivist_innen die biedere Parteiarbeit. Soweit das bekannte Konzept der „Freien Kräfte“. Ungewöhnlich ist hingegen die nach außen propagierte Abgrenzung vom klassischen Nationalsozialismus und die Übernahme von Fragmenten aus der Ideologie der „Neuen Rechten“. Doch bei genauer Betrachtung scheint dieser Versuch einer Neuausrichtung mehr das Ergebnis einer Strategiediskussion innerhalb der rechten Szene zu sein als eine ernsthafte Distanzierung vom völkischen Neonazismus. Versprochen wird sich davon offenbar, den ewig gestrigen Mief der Kameradschaftsszene hinter sich zu lassen und anschlussfähig für Organisationen zu werden, die sich mit offen auftretenden Neonazis nur ungern blicken lassen. Tatsächlich bleiben die meisten Mitglieder fest in die neonazistische Szene integriert.

Ideologie und grundlegende Konzepte
Die IG veröffentlichte mehrere wortreiche Pamphlete, in denen die vermeintliche Distanz der Kameradschaft zum Nationalsozialismus belegt werden soll. Sie geben zu, dass viele ihrer Aktivist_innen in neonazistischen Organisationen aktiv waren, diese seien aber jetzt geläutert. Ihre ausführlich dargestellten Beweggründe für die Distanzierung von ihren früheren Organisationen zeichnen das Bild von desillusionierten Aktivist_innen, die sich über fehlende Kameradschaft in der rechten Szene, ausgeprägten Antiintellektualismus und mangelnde Anpassung an den Zeitgeist beklagen. Die versprochene Distanzierung von den ideologischen Eckpfeilern des Nationalsozialismus bleiben die Autor_innen der Texte jedoch schuldig. Im Gegenteil wird sich zu allen wesentlichen Punkten des völkischen Rassismus bekannt. Lediglich wird gefordert, die klassische Idee des Kampfes zwischen den „Völkern“ um die Vorherrschaft durch den Ethnopluralismus zu ersetzen. Dieses vermeintlich „neue“ Konzept prägt allerdings weite Teile der neonazistischen Szene seit Jahrzehnten. Internationale Vernetzung rechter Gruppierungen und Forderungen nach einem „Europa der Vaterländer“ zeugen davon.
Die Kameradschaft möchte sich weder ideell noch personell von der Neonaziszene distanzieren. Allerdings dürfte so die Neuausrichtung und damit die Öffnung für nicht neonazistische Kreise schwer fallen. Um beide Aspekte dennoch vereinbar zu machen, greift sie wiederum auf ein altes Konzept zurück, natürlich nicht ohne zu betonen wie „neu“ und „revolutionär“ es wäre. Wie unzählige Grauzonenbands und rechte Hooligan-Gruppen vor ihnen, versuchen sie das Politische zu entpolitisieren. Man sei weder „rechts“ noch „links“ oder in sonstigen Kategorien politischer Analyse zu verorten, sondern lediglich eine Gruppe junger Menschen, die sich um ihre „Heimat“ und deren „Tradition“ und „Kultur“ sorge und die Widerstand gegen die „moderne Welt“ leiste. Dieser einfachen und höchst diffusen „Theorie“ werden pathetische Symboliken und allerlei aus dem Kontext gerissene Zitate bekannter Persönlichkeiten beigemengt, in dem Versuch sie damit aufzupolieren. Dahinter scheint die Hoffnung zu stehen, sowohl für die „eigene“ neonazistische Szene attraktiv bleiben zu können, als auch hinreichend diffus zu sein, um neue Kreise ansprechen zu können und sich insbesondere in die Neue Rechte hinein vernetzen zu können.


Fabian Wittig

Zeugnis dieses pragmatischen Kompromisses sind die Veröffentlichungen der Gruppe. Meist werden relativ wahllos Texte der neurechten „Identitären Bewegung“ übernommen oder selbst geschrieben. Auch der Name und die zahlreichen Vernetzungen sprechen für eine Einbindung in diese selbsternannte „Bewegung“. Allerdings im Falle der IG durchmischt mit vielen Symboliken der neonazistischen Subkultur und nordischen Mythologie wie Runen, „Walhalla“-Schriftzüge, Bandshirts von Rechtsrockkapellen und vielem mehr. Insbesondere die in allen rechten Strömungen beliebte bodenständige Naturverbundenheit wird inszeniert.

Um den eigenen Rassismus positiv darzustellen, wird, analog zur neonazistischen „Casa Pound“-Bewegung in Italien, mit der auch persönliche Treffen stattfanden, oft Bezug genommen auf die Rechte und Lebensweisen von Indigenen. Getreu dem Grundgedanken des Ethnopluralismus sei kein „Volk“ schlechter als das andere, nur dürften keine Mitglieder eines „Volkes“ „fremde“ Gebiete besiedeln oder „fremde“ Lebensweisen kopieren, denn das widerspräche deren „natürlicher Lebensweise“. Demnach stellt der vermeintliche Eintritt für die Rechte von Indigenen nur eine schlecht kaschierte Variante des klassischen Rassismus dar. Während klassische Nazis Menschen nicht-weißer Hautfarbe generell als minderwertig betrachten, wird hier behauptet, Nicht-Weiße wären nicht generell unterlegen, sondern ihre spezifischen Fähigkeiten kämen nur in ihrer „natürlichen“ Umgebung zum tragen, die selbstredend fernab Europas liegen würde. Schnell werden nach den eigenen rassistischen Stereotypen noch ein paar „faszinierende“ Eigenschaften dieser „Eingeborenen“ ersonnen und schon kann sich die eigene rassistische Hetze als humaner Akt anfühlen. Schließlich würde die Vertreibung von Menschen, die den Rassist_innen als nicht deutsch genug erscheinen, nicht dazu dienen dem eigenen rassistischen Hass nachzugehen, sondern würde nur den Betroffenen helfen in ihre „natürliche“ Umgebung zu gelangen, in der es ihnen besser gehen würde.

Das Offensichtliche wird wenige Zeilen später noch einmal überdeutlich. Die IG propagiert offensiv die zutiefst rassistische Idee eines „Volkstods“, nach der das „deutsche Volk“ aussterben würde, weil es durch zu viele genetische und kulturelle Einflüsse von „außen“ „überfremdet“ würde. Neben vielen Veröffentlichungen zu diesem Thema war der gemeinsame Besuch eines Aufmarschs der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ (JN) zum Thema „Volkstod“ im Oktober 2012 in Wismar eine der ersten Aktionen der damals noch jungen Kameradschaft.


Offener Rassismus: Lüneburger und Ostholsteiner Neonazis in Hamburg

Organisation und Kommunikation
Die IG verfügt über einen personellen Kern von ca.10 Personen, darin über ein Führungstrio, das alle wesentlichen organisatorischen und inhaltlichen Entscheidungen trifft. Fast alle Mitglieder der IG entstammen der Neonaziszene und sind auch über die IG hinaus in rechten Kreisen vernetzt. Einzige Ausnahme bilden, wie so oft in der sexistischen Normalität rechter Männerwelten, die Freundinnen der Protagonisten, die zum Teil innerhalb der IG aktiv sind, aber kaum Kontakte in die organisierte Rechte über die eigene Kameradschaft hinaus pflegen. Folglich endet deren Engagement meist mit dem Ende ihrer Beziehung. Über das Kernpotential hinaus sind über familiäre und persönliche Kontakte situativ weitere Personen durch die IG ansprechbar. Von dieser Möglichkeit macht die IG allerdings nur vereinzelt Gebrauch, denn größere eigene öffentliche oder halböffentliche Aktionen sind bislang ausgeblieben. Dementsprechend hat die IG den Charakter eines rechten Freundeskreises, der vor allem innerhalb des eigenen Umfelds agitiert.
Strukturell lebt die Arbeit der IG von der persönlichen Vernetzung des Führungstrios, bestehend aus Fabian Wittig, Ray Vogel und Marcel Schark. Treffen werden meist im privaten Kreis von diesen Personen organisiert. Für gemeinsame Fahrten zu Aktionen oder Treffen mit anderen Gruppen nutzen die Neonazis ihre privaten Fahrzeuge.

Personen
Programmatischer und strategischer Kopf der Kameradschaft ist Fabian Wittig (Lensahn). Wittig ist seit Jahren vernetzt in der neonazistischen Szene Schleswig-Holsteins. So war der 2011 Teil der Abordnung aus Schleswig-Holstein, die das „Pressefest“ des NPD-Parteiorgans „Deutsche Stimme“ besuchte. Zusammen mit u.a. Jens Lütke, Hermann Gutsche und Miriam Haack trank er in bierseliger Atmosphäre mit NPD-Größen wie Holger Apfel und Frank Rennicke. 2012 trat er für die NPD zu den Landtagswahlen im Wahlkreis Lübeck-Ost an. Ziemlich nahtlos an das Scheitern der NPD bei der Landtagswahl und den immer weiter fortschreitenden Zersetzungsprozessen verlagerte Wittig seinen politischen Schwerpunkt in Richtung der „Identitären“, nicht ohne der klassischen Neonaziszene treu zu bleiben. Teilnahmen an neonazistischen Aufmärschen wie in Hamburg am 2. Juni 2012 und in Wismar am 20. Oktober 2012 zeugen davon. Auch eine persönliche Freundschaft stand dem Projekt IG Pate: Mit Jan Krüger aus Bardowick (nähe Lüneburg) kennt Wittig einen ehemaligen JN-Funktionär, der zur selben Zeit die gleiche Neuorientierung durchlief. Seit dieser Zeit tingeln Wittig und Krüger gemeinsam durch (neu)rechte Kreise und versuchen sie für ihren poppigen „neuen“ Neonazismus zu gewinnen.

Zweiter Aktivposten der IG ist Ray Vogel (Eutin). Ursprünglich aus Bad Liebenwerda im südlichen Brandenburg stammend, fällt Vogel seit Jahren im Umkreis von Eutin in der Neonaziszene auf. Insbesondere seine Kontakte zu der inzwischen aufgelösten „Aktionsgruppe Eutin“ um Sebastian Alexander Struve verschafften der IG schnell eine strukturelle und personelle Kontinuität. Gerade nur sporadisch aktive oder jüngere Mitglieder standen nach dem Niedergang der „Autonomen Nationalisten” ohne Organisationsstruktur da. Der Weg in die biedere Parteiarbeit schien zum einem wenig attraktiv und zum anderen hatte der jahrelange Konfrontationskurs zwischen Struve und Teilen der NPD den Weg für die Neonazis aus Eutin und Umgebung nicht gerade geebnet. Vogel und Wittig gelang es, dieses Potential mit dem neuen Label eines Rechtsauslegers innerhalb der „Identitären Bewegung“ zumindest teilweise zu nutzen. Innerhalb der IG ist Vogel vor allem für die in der Neuen Rechten typische omnipräsente virtuelle Ausschlachtung in den sozialen Netzwerken zuständig. Oft in Koproduktion mit Marcel Schark erstellt Vogel Videos und Bilder von gemeinsamen Aktionen, meist in heroischem Stil aufbereitet. So wird ein nachmittäglicher Spaziergang durch die holsteinische Provinz schnell als draufgängerischer Kampf einer rebellierenden Jugend gegen die „moderne Welt“ präsentiert. Um der Gruppe zumindest ein wenig inhaltliche Tiefe zu verleihen, durchforstet Ray Vogel in seiner Freizeit das Internet nach Texten, die irgendwie in das rassistische Profil der IG passen und teilt diese in sozialen Netzwerken. Auch wenn Wittig mit seinen vermeintlich visionären Grundsatztexten versucht, das Profil zumindest etwas zu schärfen, bleibt ein eher wirres Bild von Menschen stehen, die sich in einem ständigen rassistisch motivierten Abwehrkampf wähnen. Eigene Aktionen werden dabei maßlos überhöht und Endzeitstimmung ob des Fortbestands des „Deutschen Volkes“ verbreitet, das wahlweise von „Dekadenz“, „Homo-Ehe“, „Islamisierung“, „Gender-Ideologie“ oder auch der „Kosmetikindustrie“ bedroht würde.


Ray Vogel

Als dritte Führungsperson tritt Marcel Schark (Süsel) auf. Der ursprünglich aus Lütjenburg (Kreis Plön) stammende Schark bestimmt zwar das Bild der Gruppe nicht so entscheidend wie Fabian Wittig und Ray Vogel, leistet aber seit Jahren kontinuierliche Hintergrundarbeit in der Neonaziszene. Innerhalb der IG ist er bei fast jedem Treffen und gemeinsamen Aktionen dabei. Außerdem betreut er die Internetseite der Gruppe.

Neben diesen Führungsfiguren verfügt die Kameradschaft über weitere Mitglieder, meist aus der Gegend um Eutin, vereinzelt aber auch aus anderen Teilen Ostholsteins. Einige von besonderem Interesse seien hier noch kurz vorgestellt.
Mit Tobias P. verfügt die Gruppe über einen eigenen (Freizeit-)Tätowierer. Neben Tattoos entwirft P. auch Wandlogos für die Gruppe. Schon in seiner Geburtsstadt Bützow (Mecklenburg-Vorpommern) gehörte er der Neonaziszene an und pflegt immer noch rege Kontakte dorthin. In den letzten Jahren fiel er immer wieder im Zusammenhang mit neonazistischen Aktivitäten rund um die Kameradschaftsszene seines aktuellen Wohnorts Eutin auf.
Tobias J. (Eutin) gehört zwar nicht zu den aktivsten Mitgliedern der IG, ist aber schon so etwas wie ein Kontinuum für die örtlichen Neonazis. Schon zu der Hochzeit der „Autonomen Nationalisten“ um Sebastian Struve agierte er unter dem selbstgegebenen Spitznamen „Bird“ als rechte Hand des Kameradschaftsführers. In dieser Rolle war er mutmaßlich an den Anschlagserien auf politische Gegner_innen in Eutin beteiligt .
Zwei langjährige Aktivisten der IG sind der früher in Bad Malente-Gremsmühlen wohnhafte, inzwischen nach Veitsteinbach (Hessen), verzogene Ive „Ecki“ E. und der Eutiner Christopher W., gebürtig aus Rubkow (Mecklenburg-Vorpommern). Sie sind, oft gemeinsam, bei vielen Aufmärschen der Rechten präsent und auch für viele interne Angebote der neonazistischen Szene zu begeistern. Auch wenn beide bis jetzt keine inhaltlichen oder organisatorischen Führungsrollen übernommen haben (und es vermutlich auch nie werden), stellen beide das „Fußvolk“, das sich von neonazistischen Lebenswelten angezogen fühlt und genügend indoktriniert ist, um kontinuierlich an Aufmärschen, Übergriffen und Kameradschaftsabenden teilzunehmen.
Neben Fabian Wittig ist vor allem Pascal B. (Oldenburg i.H.) eine wichtige Vernetzungsfigur der IG in Richtung der durch „Blood and Honour“-Strukturen geprägten Neonazis aus dem nördlichen Ostholstein. Der Kung-Fu-Kämpfer B. bewegt sich seit Jahren im Umfeld der dortigen Funktionäre um Lars Bergeest (Cismar) oder Marco Eckert (Grube) und nimmt mit ihnen zusammen an Veranstaltungen der rechten Szene teil. Trotz der Kontinuität dieser Kontakte in militante Neonazistrukturen engagiert sich auch B. in der, doch angeblich dem Neonazismus abgeschworenen, IG. Ein weiterer Beweis, dass die Distanzierung inhaltlich bedeutungslos ist.


Rechte Lagerfeuerromantik bei der IG

Aktionen und Vernetzung
Die IG vernetzt sich in verschiedene Bereiche sowohl der neonazistischen Rechten als auch in neurechte Kreise. Neben freundschaftlichen Kontakten nehmen auch immer wieder IG-Aktivist_innen an verschiedenen Veranstaltungen auf nationaler und internationaler Ebene teil. Hier eine kleine Auswahl.
Am 20. Oktober 2012 beteiligten sich u.a. Ive E., Tobias P., Christopher W., Ray Vogel, Pascal B., Tobias J., Marcel Schark und Fabian Wittig an einem Aufmarsch der JN in Wismar. Der Aufmarsch wurden von großen Teilen der Kameradschaftsszene aus Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und weiteren Bundesländern besucht. Inhaltlich bediente er die biologisch-rassistische Idee eines angeblich bevorstehenden „Volkstods“. Eine ähnliche Abordnung der IG war schon wenige Monate zuvor auf dem „Tag der deutschen Zukunft“ am 2. Juni in Hamburg zu sehen. Während sich Neonazis, die jetzt in der IG organisiert sind, bis 2012 relativ regelmäßig in Norddeutschland an Aufmärschen beteiligten (z. B. die jährlichen „Trauermärsche“ in Lübeck), verirrten sie sich in der Folge nur noch vereinzelt zu Kundgebungen oder Demonstrationen wie z. B. Ive E. am 23. März 2013 in Güstrow oder am selben Tag in Hamburg-Horn u.a. Fabian Wittig, Ray Vogel und Christopher W. zu einer Kundgebung gegen eine Moschee, initiiert von Stephan Buschendorff (Lübeck). Nur das Aufflammen von „PEGIDA“ konnte die Begeisterung der IG für Demonstrationen zumindest vorübergehend wieder wecken. Getreu ihrer politischen Agenda beteiligten sie sich an „MVGIDA“, dem explizit neonazistischem Ableger von „PEGIDA“ in Mecklenburg-Vorpommern.
Der Schwerpunkt der Arbeit der IG verlagerte sich verstärkt in Richtung interner Veranstaltungen und Treffen innerhalb des eigenen Milieus. So versucht die IG seit mindestens Anfang 2013 einen nennenswerten Ableger der „Identitären Bewegung“ in Schleswig-Holstein zu gründen und neonazistisch zu beeinflussen. Zu diesem Zweck fanden u.a. im Januar 2013 und im Juli 2014 Vernetzungstreffen mit den weitgehend inaktiven anderen „Identitären“ Gruppen in Schleswig-Holstein statt. Auch in der neonazistischen Subkultur bewegen sich die „identitären“ Neonazis noch gern. So besuchten sie am 23. März 2013 nach dem Kundgebungsversuch in Hamburg-Horn ein Konzert von Lars Hildebrandt, neonazistischer Liedermacher aus Itzehoe. Rege Kontakte bestehen auch zu den Lüneburger „Identitären“ um Jan Krüger, mit denen gemeinsam Feiern, Reisen und sonstige Aktivitäten unternommen werden.
Die IG, vor allem Fabian Wittig, versucht auch auf die deutschlandweite Entwicklung der „Identitären“ Einfluss zu nehmen. Neben dem Verfassen von Texten gehört dazu auch die Teilnahme an Veranstaltungen wie dem Treffen der „Identitären Bewegung Deutschland“ im April 2014 in Fulda.


Marcel Schark

Vereinzelt versuchen die Neonazis der IG ihr neues, vermeintlich bürgerliches Image zu nutzen, um im Sinne der klassischen Wortergreifungsstrategie in bürgerlich-konservative bis rechtspopulistische Kreise wirken zu können. So geschehen im März 2013, als Fabian Wittig und Ray Vogel einen Vortrag von Karl Albrecht Schachtschneider in Hamburg besuchten und diesen in Diskussionen verwickelten.
Lokal versuchen die Mitglieder der IG vor allem durch niedrigschwellige und auf den ersten Blick „unpolitische“ Veranstaltungen in ihrem sozialen Umfeld punkten zu können. So finden regelmäßig Grillfeiern, gemeinsame Ausflüge und Besäufnisse statt. Nach außen wird sich, wenn überhaupt, als „Kümmerer“ präsentiert, untermalt durch Aktivitäten wie gemeinsames Blutspenden.
Die IG strebt, vor allem in Person von Fabian Wittig, eine internationale Vernetzung an. Wittig besuchte 2013 und 2014 die „Université d’été Identitaire“ der „Génération Identitaire“ in Frankreich und war 2013 im Rahmen einer Europareise zusammen mit Jan Krüger zu Gast bei der neonazistischen „Casa Pound“ in Italien.

Ausblick
Die IG ist sicher keine besonders herausragende Gruppierung in der neuen Mischszene zwischen Konservativen, Neuen Rechten, Neonazis, Verschwörungstheoritiker_innen und weiteren rassistischen Akteur_innen. Doch sie stellt zumindest lokal eine Antwort der Neonazis auf die Krise der NPD und der klassischen Kameradschaften dar. Das inhaltlich völlig diffuse, fast schon wirre Bild, dass die IG hinterlässt, wird zwar für die „große Politik“ nicht reichen, allerdings können so lokal Menschen an rechte Kreise gebunden werden, die sich offen NS-nostalgischen Organisationen zunächst nicht anschliessen würden. Die propagierte Sorge um „Heimat“ und „Kultur“ wirkt insbesondere in konservativen Kreisen unverfänglich und eine soziale Ächtung muss weniger befürchtet werden als bei der offenen Neonaziszene. Die vielfältigen Bezüge zum (Neo-) Nationalsozialismus und gute Vernetzung zu offen auftretenden Neonazis könnten der IG die Rolle einer vermeintlich harmlosen Vorfeldorganisation zukommen lassen.
Der aktionistische Höhepunkt der IG scheint zwar überschritten und das Engagement insbesondere des Umfelds von den Protagonisten Fabian Wittig, Ray Vogel und Marcel Schark scheint nachzulassen. Nichtsdestotrotz hat gerade dieses Führungstrio über die Jahre Erfahrungen und Kontakte gesammelt. Vermutlich werden sie Menschen, die sich gegen rechte Umtriebe engagieren, noch öfter begegnen.


Vorläufer der IG: “Autonome Nationalisten” aus Schleswig-Holstein, u.a. die Führungspersonen Sebastian Alexander Struve (Eutin, hinten links), Alexander Jürgen Kuhr (Heide, rechts neben Struve) und Peter Borchert (Kiel/Neumünster, vorne 2. von rechts)

3 responses to “Alter Wein in neuen Schläuchen – Portrait der neonazistischen Kameradschaft “Identitas Gemeinschaft””

  1. Ist der Text komplett? Wird merkwürdig angezeigt.

  2. Das H-T-Runen-Logo( steht für Heimat und Tradition, wie dem Rückentattoo zu entnehmen ist ) hat gewisse Ähnlichkeit mit dem der Thule-Gesellschaft. Die H-Rune hat ja normalerweise gerade Seiten, von da her denke ich es liegt nahe, das die Identitas Gemeinschaft sich an deren Hakenkreuz orientiert hat, das ähnliche Proportionen hat. Das T nimmt dann den Platz des Dolches ein.